Gott bei der Psychotherapeutin
Bei Gott hatte sich eine ganze Menge Probleme angesammelt. So konnte er nicht mehr weiterexistieren — also meldete er sich schließlich zu einer Therapie an.
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Es war Dienstag. Gegen zehn Uhr morgens. Im Büro von Sofia war es still. Auf dem Tisch stand eine Tasse Kaffee, daneben lag ein Notizblock für Aufzeichnungen. Draußen regnete es — dieser typische Regen, der Gespräche über den Sinn des Lebens begünstigt.
Sofia saß im Sessel und las in Spinozas „Ethik“, als der Assistent mitteilte, dass sich der neue Patient ein wenig verspäten würde. Sie nahm einen Schluck Kaffee und markierte mit einem farbigen Marker eine Zeile: „Die Menschen neigen dazu zu glauben, dass alles in der Natur ihretwegen geschaffen wurde …“
Klopfen. Die Tür öffnete sich.
„Guten Tag. Entschuldigen Sie die Verspätung“, sagte der Mann.
„Guten Tag. Bitte.“
Der Mann setzte sich in den Sessel gegenüber.
„Wie darf ich Sie ansprechen?“, fragte Sofia.
Er dachte einen Moment nach und sagte dann: „Nennen Sie mich einfach … Gott.“
Sofia nickte. In all den Jahren ihrer Praxis hatte sie schon vieles gehört.
„Gut. Erzählen Sie: Was hat Sie hergeführt?“
„Die Menschen“, seufzte Gott …
„Und was genau haben sie getan?“ Sofia öffnete ihren Notizblock.
„Dieser Konflikt zieht sich schon lange hin“, begann Gott zu erzählen. „Die Menschen verdrehen ständig meine Worte.“
„Verzeihen Sie, aber ich muss nachfragen: Welche Worte genau?“ fragte Sofia.
„Naa ja … ich habe ihnen ein paar Anweisungen gegeben“, winkte Gott genervt ab. „Aber das ist gar nicht das Hauptproblem! Das Problem ist, dass sie diese seit Tausenden von Jahren lesen — und sich die ganze Zeit darüber streiten, was ich eigentlich gemeint habe.“
„Und zu welchem Ergebnis sind sie gekommen?“
„Zu ungefähr fünfundvierzigtausend verschiedenen Interpretationen — allein im Christentum!“ rief Gott nervös. „Katholiken, Orthodoxe, Protestanten … und dann noch Hunderte und Tausende weiterer Spaltungen: Lutheraner, Baptisten, Methodisten, Pfingstler, Adventisten …“
Er machte eine kurze Pause.
„Und das ist nur das Christentum. Können Sie sich das vorstellen? Im Islam gibt es Sunniten, Schiiten und Dutzende theologischer und rechtlicher Schulen. Im Judentum — orthodoxe, konservative und reformorientierte Strömungen. Und der Hinduismus besteht überhaupt aus Hunderten von Traditionen und philosophischen Richtungen“, Gott stieß schwer die Luft aus. „Wenn man alles zusammenzählt, gibt es Tausende verschiedener Richtungen und unzählige Interpretationen. Und jede Seite ist überzeugt, dass gerade sie mich richtig verstanden hat.“
„Gut“, sagte Sofia. Sie machte eine kurze Pause, schrieb etwas in ihren Notizblock, hob den Kopf und fragte: „Sagen Sie, Herr Gott, warum beschäftigt Sie das eigentlich so sehr? Ich möchte, dass Sie jetzt nicht ihr Verhalten analysieren, sondern sich selbst und Ihre Gefühle. Was wollen Sie eigentlich?“
„Wie bitte?“ zog Gott überrascht das Wort in die Länge, offensichtlich ohne eine solche Frage erwartet zu haben. „Sie führen Kriege gegeneinander — und berufen sich dabei auf meinen Namen!“
„Und jeder ist überzeugt, dass gerade seine Version die richtige ist …“, bemerkte Sofia beiläufig.
„Ganz genau!“ Gott richtete sich auf, sichtlich erfreut darüber, dass ihn endlich jemand richtig verstand. „Mehr noch: Sie aktualisieren ständig meine Anweisungen, obwohl sie genau wissen, dass ich alles weiß, mich nie irre und mein Wort unveränderlich ist!“
Gott beugte sich nach vorn.
„Und dann werfen sie mir vor, dass ich mir selbst widerspreche!“
„Zum Beispiel?“ fragte Sofia.
„Zum Beispiel: Früher war es völlig normal, Sklaven zu besitzen, und meine heiligen Texte haben das nicht verboten. Heute sagen sie, das sei unmoralisch.“
Er stand aus dem Sessel auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Früher konnte man für Gotteslästerung oder Abfall vom Glauben hingerichtet werden. Heute ist das in den meisten Ländern einfach eine Frage des persönlichen Glaubens. Früher galt Wucher als Sünde — und heute sind Banken und Kredite die Grundlage der Wirtschaft. Frauen wurde befohlen, sich den Männern zu unterwerfen, und sie hatten keinerlei Macht. Heute haben sie in den meisten Ländern dieselben Bürgerrechte.“
Gott schwieg einen Moment, doch offenbar hatte er sich gerade erst in Fahrt geredet.
„Scheidungen wurden streng verurteilt, und heute sind sie in den meisten religiösen Gemeinschaften erlaubt. Die Todesstrafe für Ehebruch galt einst als selbstverständlich — heute ist Untreue ein alltägliches Phänomen und Privatsache. Verhütung galt lange Zeit als Sünde, und heute werden Kondome überall verkauft. Homosexualität wurde jahrhundertelang bestraft — und heute segnen einige Kirchen gleichgeschlechtliche Ehen.“
„Das ist doch gut“, betonte die Therapeutin vorsichtig. „Es scheint, als würden die Menschen weniger grausam werden. Die Zahl gewaltsamer Todesfälle ist im Vergleich zum Mittelalter um ein Vielfaches gesunken. War das nicht genau das, was Sie wollten, Herr Gott?“
„Dagegen habe ich ja nichts“, stimmte er zu. „Mich empört nur, dass sie diese Veränderungen meinem Willen zuschreiben …“
„Also haben Sie keine neuen Anweisungen gegeben?“ unterbrach Sofia ihn unerwartet und beobachtete aufmerksam seine Reaktion.
Im Raum entstand eine lange Stille.
„Nein“, antwortete Gott schließlich.
„Und wie erklären sie sich das dann?“
„Sie sagen, sie hätten begonnen, meine Botschaften besser zu verstehen“, zuckte Gott mit den Schultern. „Als wäre ich ein manipulativer und unsicherer Verstand, der in doppelten Botschaften und Andeutungen spricht und sie zwingt, ein absurdes und grausames Spiel zu spielen: ‚Erratet, was ich eigentlich gemeint habe.‘“
Gott sah Sofia direkt in die Augen.
„Was bin ich für sie … ein Mensch?“

